Seit dieser Woche ist es offiziell: Das Bundesinnenministerium verweigert in diesem Jahr rund 130.000 Zugewanderten, die Deutsch lernen wollen, den Zugang zum Integrationskurs. Teilnehmen dürfen künftig nur noch Personen, die dazu vom Jobcenter oder anderen Behörden verpflichtet werden. Freiwillige, die mit guten Deutschkenntnissen in den Arbeitsmarkt einsteigen und von Sozialleistungen unabhängig werden wollen, fallen unter die Blockade. Selbstzahlerkurse, auf die das Ministerium verweist, helfen ihnen in der Regel nicht: Erst der Spracherwerb schafft ja die Voraussetzungen dafür, ausreichend eigene Einkünfte zu erzielen und Bildungsleistungen aus eigener Tasche bezahlen zu können.

Die Folgen der mit Sparzwängen begründeten Maßnahme sind fatal: für die Betroffenen, für Betriebe, die dringend Arbeits- und Fachkräfte suchen, und auch für die Volkshochschulen. Der DVV schätzt, dass Freiwillige 55 Prozent der Teilnehmer*innen an Integrationskursen ausmachen. Ohne sie können vhs keine neuen Kurse einrichten, weil die seitens des zuständigen Bundesamts vorgegebene Mindestteilnehmerzahl nicht mehr erreicht werden kann. Dadurch haben künftig auch viele zur Teilnahme Verpflichtete keine Chance mehr auf einen Platz im Kurs. 

Die kurzsichtige Sparaktion des Ministeriums wird sich auch langfristig auswirken: Die vhs können wertvollen Lehrkräften keine Perspektive mehr bieten und werden finanziell geschädigt - und damit auch die ohnehin stark belasteten Kommunen. Real geholfen ist den Städten und Gemeinden, wenn Zugewanderte schnell in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse gelangen. Ohne solide Deutschkenntnisse ist das kaum zu schaffen.

Volkshochschulen sind seit über 20 Jahren verlässlicher und professioneller Partner des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Energisch und effizient unterstützen sie die Integrationsbemühungen des Bundesinnenministeriums, gerade auch in Krisensituationen. Nun gibt das Ministerium zum wiederholten Male erst auf Druck der Medien überhaupt Informationen preis über eine Maßnahme, die uns die Planungssicherheit nimmt und unsere Kapazitäten beschneidet. Das BMI demontiert die Strukturen, auf die es baut. 

Pressemitteilung Deutscher Volkshochschulverband

Deutschkenntnisse sind entscheidend dafür, dass zugewanderte Menschen in Deutschland selbst ihren Lebensunterhalt verdienen können. Das sehen nicht nur Arbeitsmarktexpert*innen so, sondern auch viele Zugewanderte selbst, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Ukrainer*innen, die vor Russlands Angriffskrieg geflüchtet und häufig gut ausgebildet sind, Asylsuchende im Verfahren oder Geduldete: Mit ausreichenden Deutschkenntnissen hätten zahlreiche Menschen beste Aussichten, offene Stellen in deutschen Unternehmen, in der Gesundheitsversorgung oder in sozialen Einrichtungen zu besetzen. Bisher konnten sie in den vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanzierten Kursen Deutsch lernen – aus freien Stücken, denn eine Verpflichtung dazu besteht für diese Gruppen nicht. Das ist nun vorbei: Anträge Freiwilliger auf Teilnahme an den Kursen werden nicht mehr bewilligt. Als Begründung werden Sparzwänge angeführt. 

Aus Sicht des Deutschen Volkshochschul-Verbands ist der Ausschluss geschätzter 130.000 Menschen vom Integrationskurs kurzsichtig und kontraproduktiv: „Menschen, die sich in die Gesellschaft integrieren und arbeiten wollen, wird signalisiert, dass dies unerwünscht sei“, kommentiert DVV-Verbandsdirektorin Julia von Westerholt. „Das widerspricht der bisherigen Strategie, Zugewanderte zügig in Existenz sichernde Arbeit zu bringen, und entbehrt angesichts des prognostizierten Mangels an über sieben Millionen Fachkräften bis 2035 jeder wirtschaftlichen Vernunft.“ 

Abbau der Sprachförderung auch zu Lasten der Kommunen

Darüber hinaus droht nun erneut Schaden im Gesamtprogramm Sprache des Bundes. Auf der Grundlage der Integrationskursstatistik (1. Halbjahr 2025) geht der DVV davon aus, dass die freiwillig Teilnehmenden einen Anteil von rund 55% aller Integrationskursteilnehmer*innen ausmachen. Diese Freiwilligen bleiben nun weg. Allein mit Verpflichteten ist jedoch in vielen Regionen die vom zuständigen Bundesamt vorgeschriebene Mindestteilnehmerzahl für einen Kursstart nicht erreichbar. Folglich ist überall in Deutschland mit langen Wartezeiten für die zur Teilnahme verpflichteten Zugewanderten und Kursausfällen zu rechnen. Die am Gesamtprogramm Sprache beteiligten Bildungseinrichtungen können wertvollen Lehrkräften keine Perspektive mehr bieten. Bereits angemietete Räume stehen leer, müssen aber bezahlt werden. So werden die Volkshochschulen, die fast 45 Prozent der Integrationskurse bestreiten, finanziell geschädigt – und damit auch die ohnehin stark belasteten Kommunen. Real geholfen ist den Städten und Gemeinden, wenn Zugewanderte schnell in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse gelangen. Ohne solide Deutschkenntnisse ist das kaum zu schaffen.

Das Ministerium schwieg

Seit mehr als zwanzig Jahren sind die Volkshochschulen ein verlässlicher Partner der Bundesregierung bei der Integration Zugewanderter. Das haben sie gerade in Krisensituationen bewiesen. Zum Beispiel nach Russlands Großangriff auf die Ukraine: Innerhalb kürzester Zeit wurden die Integrationskurse massiv ausgebaut. Dadurch konnten Geflüchtete aus der Ukraine schnell Deutsch lernen, eine Arbeit aufnehmen und selbst für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien sorgen. 

Dass Zugewanderten die freiwillige Teilnahme an Integrationskursen versagt würde, zeichnete sich seit Ende 2025 ab. Auf eine Erklärung warteten die Träger jedoch lange vergeblich. Erst in dieser Woche und unter medialem Druck wurden sie offiziell über die Maßnahme des BMI informiert. Um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen, müssen Kapazitäten in den Bildungseinrichtungen nun rapide abgebaut werden. In der nächsten Krise werden sie fehlen.

Hilfe für Betroffene

Betroffene können sich auf kommunaler Ebene an ihr Jobcenter oder die Ausländerbehörde wenden. Dort kann auch weiterhin eine Berechtigung bzw. Verpflichtung ausgestellt werden.